Zur "Grau"-Vererbung beim Deutschen Schäferhund

Zita und Dr. Franz Killman

Der Rassestandart für den Deutschen Schäferhund (DS) unterscheidet nach dem äußeren Erscheinungsbild des Felles zwischen sog. "grauen" (einfarbig, grau mit dunklerer Wolkung, schwarzem Sattel und Maske) sowie "schwarzen" Farbschlägen (einfarbig, schwarz mit Abzeichen). Beiden Gruppen ist, von einfarbigen Individuen abgesehen, das Vorkommen brauner, gelber und rötlicher Farbtöne in unterschiedlich starker Ausprägung gemeinsam. Daher können sich auf Bildern gut pigmentierte "graue" und "nicht graue" Tiere so ähnlich sehen, dass eine eindeutige Zuordnung in eine dieser beiden Gruppen nicht möglich ist.
Bei näherer Betrachtung einzelner Haare zeigt sich aber, dass es in jedem Fall ein charakteristisches Unterscheidungsmerkmal zwischen "grauen" und "nicht grauen" Exemplaren des DS gibt: Bei "grauen" Tieren ist nämlich, ähnlich wie beim Wolf, jedes einzelne pigmentierte Deckhaar typischerweise einfach oder mehrfach "gebändert" und es kann dabei zwei- oder sogar dreifarbig sein, während das Deckhaar des "nicht grauen" DS in der Regel auf ganzer Länge uniform gefärbt ist. Für die Zeichnung des Haarkleides beim "grauen" DS von Bedeutung ist dabei vor allem die Färbung der Haarenden, d.h. gewöhnlich eine dunkle Haarspitze, der nach unten ein helleres Band folgt. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass das im Schulter-Rücken-Bereich bei "nicht grauen" DS aus westdeutscher Zucht häufiger auftretende sog. Stichel- oder Umkehrhaar (weiße Haarspitze, dunkler Haargrund) nicht auf den Einfluss eines "Graufaktors" (siehe unten) zurückzuführen ist, sondern auf einen Pigmentverlust (Farbverblassung), der häufig mit einer Aufhellung der Krallen und des Nasenspiegels einhergeht.
Das Merkmal "Vorhandensein einer Bänderung des Einzelhaares" wird offenbar nur über einen einzigen Erbfaktor bestimmt, der dominant ist über das Merkmal "Fehlen von Bänderung". Dies darf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus Kreuzungsexperimenten von Wölfen mit Hunden sowie vor allem auch aus zahlreichen Verpaarungen zwischen DS selbst geschlossen werden, wonach "grau" gegenüber "nicht grau" ausnahmslos dominant vererbt wird. Die Praxis zeigt darüber hinaus, dass ein phänotypisch, also dem äußeren Erscheinungsbild nach, "grauer" Hund reinerbig oder mischerbig sein kann, d.h. im ersten Fall ausschließlich "graue", im zweiten Fall dagegen sowohl "graue" als auch "nicht graue" Nachkommen hervorbringt (ausgenommen bei der Verpaarung mit einem reinerbig "grauen" Deckpartner).
All diese Beobachtungen können zwanglos durch einen im klassischen Sinne dominant rezessiven, monohybriden Erbgang gedeutet werden. Bezeichnet man den ihm zugrunde liegenden dominanten "Graufaktor" (Vorhandensein von Bänderung), wie in der kynologischen Literatur allgemein üblich, mit "A" und den rezessiven Faktor für das Fehlen von Bänderung mit "a", dann lassen sich folgende Merkmalskombinationen, Genotypen (Erbbilder) und Phänotypen ableiten: "AA" (reinerbig für "grau"), "Aa" (mischerbig für "grau"), "aa" (reinerbig für "nicht grau", d.h. reinschwarz bzw. schwarz mit Abzeichen). Hunde mit dem Genotyp "AA" und "Aa" sind diesem Erbgang zufolge phänotypisch "grau", Hunde mit dem Genotyp "aa" phänotypisch "nicht grau". Die Anwendung der Mendel-Regeln auf eine solche Erbkonstellation führt, bei entsprechend großen Zahlen, zu Vorhersagen, die mit den Beobachtungen in der züchterischen Praxis voll im Einklang stehen:

Aus der oben beschriebenen Tatsache, dass die Bezeichnung "grau" genaugenommen nicht eine bestimmte Fellfärbung, sondern nur ein Strukturmerkmal von einzelnen Haaren kennzeichnet, folgt außerdem, dass der "graue" Hund keinesfalls grundsätzlich ein "Pigmentträger" ist, wie das viele Züchter annehmen. Ob ein DS dunkel gefärbt, also stark pigmentiert ist oder nicht, welche Fellfarben und Zeichnungsmuster er besitzt und in welcher Ausprägung sie in Erscheinung treten, hängt vielmehr von einer Reihe weiterer Erbfaktoren ab, deren Zusammenspiel komplex ist und bis heute nicht befriedigend erklärt werden kann. Kreuzt man daher ungezielt "graue" Hunde mit pigmentschwächeren Partnern, so resultieren daraus regelhaft Pigmentverluste in der "grauen" Nachkommenschaft. Daher gilt als wichtige weitere Regel, dass eine Verbesserung des Pigmentstatus auch bei "grauen" Linien nur durch Einkreuzung gut pigmentierter Individuen zu erzielen ist.

Abschließend sei noch auf die häufiger in Züchterkreisen geäußerte Behauptung eingegangen werden, dominant vererbende DS seien häufig pigmentschwach. Hierzu soll festgestellt werden, dass gerade die in neuerer Zeit bekannt gewordenen dominanten "Grau"-Vererber Ohle vom Rundeck und der noch lebende BRD-Rüde Grischa vom Schwarzen Milan (mit jeweils über 1000 bzw. 300 ausschließlich "grauen" Nachkommen) weit überdurchschnittlich gut pigmentiert waren bzw. sind. Darüber hinaus ist bis heute auch kein anderes verlässliches Merkmal bekannt, anhand dessen dominant "grau" vererbende Hunde aufgrund ihres Phänotyps erkannt werden können. Das Merkmal reinerbig für "grau" lässt sich somit lediglich aufgrund einer ausreichenden Zahl von Nachkommen verifizieren.