100 Jahre "Verein für Deutsche Schäferhunde", ein passender Zeitpunkt, um uns einmal selbstkritisch zu fragen:

Unser Deutscher Schäferhund -
Qualitätsprodukt oder Massenartikel?


Am 22. April 1899 wurde, mit der Vereinsgründung durch Rittmeister von Stephanitz, der Grundstein zur planmäßigen Zucht des Deutschen Schäferhundes gelegt. Die Zuchtbasis bildeten einheimische Hütehunde aus verschiedenen Regionen, äußerlich noch recht unterschiedliche Exemplare, im Wesen aber durch die über Jahrhunderte betriebene Auslese auf Leistungsfälügkeit, recht einheitlich veranlagte, gelehrige Herdenge-brauchshunde. Durch konsequente Umsetzung der Stephanitzschen Maxime "Schäferhundezacht ist Gebrauchshundezucht, sonst ist es keine Schäferhundezucht! " gelang es, unsere Rasse weltweit als Gebrauchshund Nr. 1 zu etablieren.
Diese Spitzen-Stellung ist aber sicherlich in den letzten Jahren erheblich ins Wanken geraten. Der Malinios findet sowohl bei Behörden, als auch im Spitzen-Leistungssport, eine immer größere Verbreitung. Wenn wir nunmehr selbst-kritisch und objektiv fragen warum, dann müssen wir wohl eingestehen, daß diese Rasse ganz offensichtlich den Bedürfnissen dieser Interessengruppen in höherem Maße gerecht wird. Hierzu einige Fakten:
- Im französischen Ring-Championat, ein sehr anspruchsvoller Gebrauchshundewettbewerb, war 1992 erstmals kein DSH unter den Teilnehmern.
- Der Diensthundebestand der Bundeswehr besteht mittlerweile zu 80% aus Malinois.
- Im Polzeidienst des Landes Nordrhein-Westfalen sind zwar noch 60% der Diensthunde DSH, aber nur ein Teil davon mit offiziellen SV-Papieren. Viele kommen aus Ungarn und der ehemaligen Tschechoslovakei.
- Bei nationalen und internationalen Wettbewerben im SchH- und IPO-Bereich, spielt der Malinois mittlerweile eine dominierende Rolle.
Dies alles ist noch beachtenswerter, wenn man bedenkt, dass die Welpenzahlen dieser Rasse gerade knapp ein Prozent der unsrigen erreichen. Auch scheint der Malinois derzeit von vielen gesundheitlichen Problemen, die bei unserer Rasse auftreten (Hüften, Rücken, Ellenbogen), nicht oder kaum belastet zu sein. Ich möchte an dieser Stelle feststellen, daß es bei den anderen Gebrauchshunderassen keinesfalls rosiger aussieht als bei uns, aber wir sollten uns ganz sicher nicht an Schlechteren orientieren, sondern das Optimum anstreben. Darum könnte vielleicht das eine oder andere aus der Zuchtstrategie des "Deutschen Malinois Club" für uns von Interesse sein. Wobei die Zielsetzung natürlich nicht sein kann, aus dem Deutschen Schäferhund einen Malinois machen zu wollen.
Die Problematik sehe ich in unserer Rasse folgendermaßen:
Die Welpenzahl von 30 000 ist meiner Meinung nach zu hoch, wenn man dabei noch bedenkt, dass zu dieser Zahl noch viele Ostblock-Importe und Schäferhunde ohne Papiere hinzukommen. Die beiden letztgenannten sind sicher unserem Rasse-Image meist nicht zuträglich, entziehen sich aber unserem unmittelbaren Einfluss, darum ist es müßig, weiter darauf einzugehen.
Es gibt aber auch im SV zu viele "Züchter", die diese Bezeichnung nicht verdienen, die "Paarungen vollziehen, die nicht gemacht werden müssten" (Zitat Ernst Rückert auf Zuchtwarte-Tagung 1998 LG 14). Züchter, die Hunde halten und Würfe aufziehen unter Bedingungen, die dem aktuellen Stand der Verhaltensforschung und häufig auch der Hygiene, nicht gerecht werden.
Wir haben leider bei vielen Vertretern unserer Rasse teils gravierende Einschränkungen der Gebrauchshundeeigenschaften.
Psychisch: Mangelnde Triebveranlagung und -beständigkeit mangelnde Belastbarkeit, allgemeine Schwächen im Grundwesen und Nervenkostüm.
Physisch: Gesundheitliche Probleme, Einschränkungen in der Gesamt-festigkeit und Korrektheit der Gliedmaßen, Größe.
Diese Feststellungen musste auch der Bundesausbildungswart in seinem Jahresbericht 1994 unter seinen Ausführungen zum Leistungsstand der Rasse treffen.
Wir müssen verstärkt darauf achten, in der Gesamtpopulation eine gesunde genetische Vielfalt zu bewahren. Derzeit zeugen zu wenige Rüden zu viele Würfe, wir betreiben nach Meinung moderner Genetiker eine "Champion-Zucht"!
Auch muß die Frage erlaubt sein, ob bei der Beurteilung auf Zuchtschauen, wirklich noch der Rassestandard das Maß der Dinge ist. So mancher Spitzen-V Hund hat teilweise nicht unerhebliche Fehler gemäß Standard, auch wenn ich in keiner Weise bestreite, dass diese Tiere meist sehr beeindruckende, ästhetische Erscheinungen sind (zumindest in Bezug auf das Seitenbild beim Traben im Schauring).
Folgende Maßnahmen könnten wohl dazu beitragen, dem Qualitätsanspruch unseres "Produktes" verstärkt Rechnung zu tragen:
Wir müssen eine schärfere Selektion betreiben auf Gesundheit, Wesen und Leistungsfähigkeit. Diese Veränderung muss sich aber primär in den Köpfen der Züchter vollziehen (hierzu wäre es sicher von Vorteil, wenn mehr Züchter sich auch ausbildungsmäßig mit ihren Zuchttieren und deren Nachkommen auseindersetzen würden), sonst können die umfassendsten Bestimmungen von Seiten des SV nicht greifen. Der Verein ist aber dahingehend gefordert, seine Züchter möglichst umfassend, aktuell und lückenlos mit zuchtrelevanten Informationen zu versorgen. Man darf sich dabei nicht auf die Spitzenhunde der Siegerschau bzw. Spitzen-Vererber im Formwert beschränken.
Es wäre sinnvoll, zumindest die Hunde in Sportlerhand, aber auch möglichst viele aus Laienhand, bei Junghund-Beurteilungen zu erfassen, und dadurch Nachkommen-Beurteilungen auf breiter Basis zu ermöglichen. Durch die dabei gewonnenen Daten wäre es möglich, die Zuchtwertschätzung um zusätzliche Merkmale zu erweitern (aber nicht zum Zweck starrer Regularien, sondern möglichst genauer Information).
Bei der Körung muss eine differenziertere Prüfung, Beurteilung und Beschreibung der wichtigsten Gebrauchshundemerkmale erfolgen. Nicht primär, damit weniger Hunde die Körung bestehen, sondern um eine brauchbare Hilfestellung zur verantwortungsbewussten Zuchtplanung zu erhalten.
Wir müssen uns um eine intensivere Zusammenarbeit mit diensthundehaltenden Behörden und Vertretern der Wissenschaft (Veterinären, Genetikern und Verhaltensforschern) bemühen, es können nur alle Seiten davon profitieren. Die Reihenfolge der Zuchtkriterien muss klar lauten: Gesundheit, Wesen, Leistungsfähigkeit und dann Schönheit!
Keiner weiß, ob durch Veränderungen alles besser wird. Aber ich weiß sicher, um besser zu werden, müssen wir verändern.
Die Umsetzung dieser Maßnahmen erfordert sicherlich erheblichen Aufwand, aber unser Schäferhund sollte uns diese Mühe wert sein. Durch konsequentes Vorgehen hierbei, sollte es auch gelingen, das Image unseres Hundes, sowohl in der breiten Öffentlichkeit, als auch bei potentiellen Interessenten, wieder deutlich positiver darzustellen. Wobei ich betonen möchte, dass eine hochveranlagte Hundequalität, wie es unser Deutscher Schäferhund sein sollte, kein Hund für Jedermann ist, sondern denjenigen vorbehalten sein muss, die diese Vorzüge zu schätzen wissen und daher auch bereit sind, entsprechend Engagement zu investieren.

Mein Schlusswort lautet bezugnehmend auf die hundertjährige Vereinsgeschichte:
Tradition bedeutet nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weiterreichen der Flamme!

Gerd Beck